Bruder Pio Murat OFMCap
Mitglied des Generalrates der Kapuziner (Leitung des Weltordens)
 Interview: Sarah Schuller-Kanzian, 28. Jänner 2014
"Kapuzinerleben ist keine One-Man-Show"
Bruder Pio Murat OFMCap © Kapuziner - www.kapuziner.at
Br. Pio Murat, Mitglied des Generalrates der Kapuziner (Leitung des Weltordens)
beim Interview im Kloster Wien.
© Kapuziner - www.kapuziner.at
Gespräch mit Br. Pio Murat, Generalrat der Kapuziner
und Br. Lech Siebert, Ordensoberer der Provinz Österreich-Südtirol.
Br. Pio Murat (55), geb. in Izmir, Türkei; Nationalität: Französisch; Ordenseintritt: 1981 in Frankreich, Ewige Profess: 1984; Priesterweihe 1985 in Izmir; Bisherige Funktionen im Orden: Guardian [Hausoberer], Provinzvikar [Vertreter des Provinzoberen], Provinzial [Provinzoberer], Mitglied des Generalrates seit 2012.
Br. Lech Siebert (43), geb. in Goldap, Polen; Nationalität: Polnisch; Ordenseintritt: 1991 in Krakau, Polen, Ewige Profess: 1997; Priesterweihe: 1999; seit 1993 in Österreich, seit 2009 zugehörig zur Österr. Provinz. Bisherige Funktionen im Orden: Guardian [Hausoberer], Provinzvikar [Vertreter des Provinzoberen], Provinzial [Provinzoberer] seit 2010.
Von Irland über den nahen Osten bis Pakistan erstreckt sich der Verantwortungsbereich von Br. Pio Murat. Als Teil der Leitung des Kapuzinerordens weltweit fällt auch die Provinz Österreich-Südtirol in seine Zuständigkeit. Ende Jänner war Br. Pio im Kloster Wien zu Gast, um mit den dortigen Brüdern und der Provinzleitung über die Zukunft zu sprechen. Während seines Aufenthaltes war Br. Pio auch bereit, gemeinsam mit Br. Lech Siebert Fragen über seine Arbeit, wesentliche Eigenschaften für Kapuziner und die Provinz Österreich-Südtirol zu beantworten.
Wie viele Brüder gibt es in der Region, für die Sie verantwortlich sind?
Br. Pio (PM): Im ganzen Orden sind wir ca. 11.000 Mitglieder. Es ist der Generalminister, Br. Mauro Jöhri, der für alle verantwortlich ist. Die Aufgabe von uns zehn Generalräten ist es, ihm bei diesem Auftrag zu helfen. Jeder von uns ist für eine bestimmte Region zuständig. In meinem Zuständigkeitsbereich gibt es sicherlich mehr als 1.000 Mitbrüder.
Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen diesen Provinzen?
PM: Der wesentlichste Unterschied ist die Sprache.
Ein irischer Kapuziner und ein pakistanischer Kapuziner:
Was verbindet die beiden?
PM: Deutlich zu spüren ist die Brüderlichkeit in den Gemeinschaften. Wo ich hinkomme, dort fühle ich mich zuhause. Wir haben eine gemeinsame Regel, Satzungen, aber wir sind eine Familie. Dieses Gefühl der Familie ist sehr, sehr stark.
Br. Lech (LS): Du sprichst da etwas an, was man tatsächlich nur durch eigene Wahrnehmung spüren kann. Wo die Brüder auch zusammenkommen, egal in welchem Teil der Welt, wir haben eine Art „Stallgeruch“ (lacht). Gleichzeitig gibt es in unseren Provinzen die Prägung durch eine Nationalkirche und eine gesellschaftliche Prägung – und das sind dann auch die wichtigsten Unterschiede.
Was ist von diesen Prägungen in unserer Provinz besonders zu spüren?
Br. Pio: Die europäischen Länder haben eine lange Geschichte mit dem Kapuzinerorden. Daraus hat sich eine gemeinsame Kultur entwickelt. Das kann man in sehr konkreten Details wahrnehmen. Das Refektorium [Anm: Speisesaal] in Wien zum Beispiel ist sehr majestätisch - kaiserlich. Doch wieder Tisch aussieht, wie das Essen organisiert ist, das ist überall auf der Welt gleich - es ist derselbe Stil, nur mit verschiedenen Nuancen. Weiters haben wir in ganz Europa dieselben Herausforderungen und Probleme. Im Bereich des Religiösen sind dies die fortschreitende Säkularisierung und der Rückgang von Berufungen. Ich glaube, dass wir in Europa zusammenarbeiten sollten, um unsere Geschichte zu bewahren und die Herausforderungen zu bewältigen.
Bruder Pio Murat OFMCap © Kapuziner - www.kapuziner.at
(v.l.n.r.): Br. Lech Siebert, Ordensoberer der Kapuziner für Österreich und Südtirol,
und Br. Pio Murat, Mitglied des Kapuziner-Generalrates (Leitung des Weltordens)
© Kapuziner - www.kapuziner.at
In der Geschichte war es für die Brüder immer wichtig,
dass sie beweglich bleiben. Woher kommt das?
PM: Der Hl. Franziskus hat zwölf Mitbrüder in verschiedene Länder Europas gesendet. Auch bei den Kapuzinern war große Beweglichkeit von Anfang an da. Marco d‘ Aviano in Wien und Thomas von Olera in Innsbruck sind frühe Beispiele dafür. Diese Flexibilität ist dann verlorengegangen, weil wir viele geworden sind. Heute ist die Situation umgekehrt. Die moderne Welt ist durch große Flexibilität gekennzeichnet, und wir müssen von dieser Flexibilität lernen. Das bedeutet aber nicht, dass unbedingt alle unterwegs sein müssen. Diese Flexibilität muss ein Teil unserer Spiritualität sein. Wir müssen grundsätzlich bereit sein, als Missionar überall hin zu gehen. Auch unser Generalminister sagt: Die Berufung zum Missionar ist wesentlich für unsere Spiritualität. Missionar kann man überall sein, auch in unserer Umgebung. Ich glaube, dass unsere Mission hier in Wien wesentlich ist.
Br. Lech: Ich beobachte ein Paradox, wenn ich die jungen Leute von heute mit uns Kapuzinern vergleiche. Die Menschen bewegen sich in verschiedenen Ländern und können verschiedene Sprachen. Und wir verlieren unsere Beweglichkeit langsam, obwohl das zum Ursprung unserer Berufung gehört. Wir haben sogar einen eigenen Begriff dafür: „Itineranz“. Dafür gibt es meiner Meinung nach zwei Gründe: Der eine ist sicherlich unsere Überalterung. Der zweite Grund ist die Herausforderung der säkularen Welt. Es wird immer schwieriger, als religiöser Mensch, erst recht als Ordensmann oder Seelsorger in dieser Gesellschaft gut präsent zu sein, und es wird immer schwieriger, gute Aufgaben zu haben. Und wenn ich schon etwas aufgebaut habe und ich woanders hingehe, bin ich nicht sicher, ob es mir an diesem neuen Ort so gut geht wie am alten Ort. Und so beobachte ich diese Schwierigkeit mit Beweglichkeit sogar bei den jüngeren Brüdern. Die Frage ist dann, was wichtiger ist: Das Zeugnis einer Itineranz als Teil unserer Identität oder das eine gute Werk?
Br. Pio: Es gehört zum Wichtigsten in unserer Berufung als franziskanische Kapuziner, dass wir das in Gemeinschaft leben und entscheiden. Es geht nicht um die Verwirklichung der Ideen einzelner.
Br. Lech: Wir haben die Fähigkeit verloren, uns in Gemeinschaft Ziele zu setzen, diese gemeinsam zu verfolgen und umzusetzen. Sondern viele einzelne - fähige und talentierte - Brüder kommen auf ihre eigenen Ideen und setzen sie um.
Br. Pio: Aber die franziskanische Mentalität ist keine One-Man-Show!
Wie kann diese Fähigkeit wiedergewonnen werden?
 PM: Schon unsere Satzungen sprechen davon: Jede Brüdergemeinschaft soll ihr Hauskapitel [Anm: Zusammenkunft aller Brüder einer Hausgemeinschaft] haben. Die Brüder reden dort mehrmals im Jahr über ihre Sorgen und ihr Leben. Alle drei Jahre gibt es das für die ganze Provinz und alle sechs Jahre für den ganzen Orden. Beim Hauskapitel sollte gefragt werden: Wie geht es dir, wo hast du Probleme, wie geht es mit deiner Berufung? Aber der Guardian [Anm.: Hausoberer] fragt stattdessen: Wer predigt am Sonntag, und was wollt ihr essen? Das beschränkt sich dann auf die Basisorganisation des Alltags. Es braucht aber Gespräch und Vertrauen zwischen den Brüdern. Das muss man aufbauen.
Br. Lech: Mir fällt auch unsere Grundausbildung, die sogenannte formatio ein: Wozu erziehen wir unsere jungen Kapuziner? Ich meine, wir müssen unsere Krise in diesem Teil Europas eingestehen und uns auf diese wenigen jungen Brüder konzentrieren. Wir sollten überlegen, wie wir sie begleiten.
Br. Pio: Ich denke, man sollte junge Brüder auch nicht in Gemeinschaften schicken, in denen alle anderen das Alter ihrer Großväter haben. Aber das kann man nicht verallgemeinern. Viele Junge leben auch gerne mit Älteren wie in einer Familie zusammen.
Was fällt Ihnen spontan zur Provinz Österreich-Südtirol ein?
PM: Die Mitbrüder haben Respekt vor der Gemeinschaft. Es gibt Standorte, die fähig sind, an der Neuevangelisierung teilzunehmen. Sie haben einen sehr interessanten Platz in diesem Zusammenhang. Wir haben auch die letzten Tage darüber diskutiert. Die Zahl der Alten ist natürlich hoch ist, die Berufungen gering. Aber das ist die Realität in ganz Europa. Das ist auch unsere Armut: Wir müssen viele Klöster aufheben. Wir müssen alle älteren Brüder begleiten und pflegen. Man hat nicht immer die Armut gewählt, die kommt. Wir sind arm, aber das bedeutet nicht, dass unser Glaube nicht stark ist. Ich habe starke Hoffnung für Europa für die Zukunft der Kapuziner. Wir werden nicht wie damals zu Beginn im Rampenlicht stehen. Aber man kann auch im Licht einer Kerze leben.
Was wünschen Sie sich für die Kapuziner in Mitteleuropa
in den nächsten zehn Jahren?
Mein großer Traum für Europa sind lebendige Gemeinschaften. Sie können wenige sein, aber stark sollen sie sein. Die Mitbrüder sollen ihre Berufung lieben. Wenn man liebt, dann gibt man.
Das Interview wurde von Sarah Schuller-Kanzian im Auftrag der
Provinz Österreich-Südtirol am 28. Jänner 2014 in Wien geführt.
Übersetzung aus dem Französischen: Br. Odilon Tiankavana
Text auszugsweise aus
www.kapuziner.at
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